Folge 2: Ein Schnürkorsett

EIN SCHNÜRKORSETT
Geschrieben von Bert Plomp

Meine Großeltern mütterlicherseits bewohnten ein großes, stattliches, weißes Haus an der Ecke der Nicolaasdwarsstraße und der Wijde Doelen. Es war immer sehr gemütlich, am Wochenende bei ihnen vorbeizuschauen. Man konnte über alles Mögliche mit ihnen reden und es gab immer eine Schüssel Suppe zu essen. Jeden Samstag war es auch wieder spannend zu sehen, was Opa Heijgen diesmal auf der Eisenbahnauktion ergattert hatte. Diese Auktion fand jeden Freitag in einem großen Gebäude irgendwo in der Nähe des Nieuwe Gracht statt. Auf dem großen Tisch im Esszimmer breitete er dann alle Gegenstände übersichtlich aus, die er für einen Spottpreis bekommen hatte. Im Laufe des Tages kamen mehrere Familienmitglieder vorbei, um zu sehen, ob etwas für sie dabei war. Es handelte sich um allerlei Waren, die Passagiere im Zug zurückgelassen und später nicht abgeholt hatten. Nicht nur Regenschirme und Koffer. Auf der Auktion gab es auch Bücher, Kameras, Brillen, Hörgeräte, Kleidung, Schuhe und so weiter.

Auf Opas Esstisch konnte man im Grunde genommen alles finden. Wer am Samstagmorgen als Erster kam, hatte die größte Auswahl. Vor allem Brillen fanden reißenden Absatz. Ohne dass eine Augenuntersuchung vorausging, setzte ein Interessent einfach eine der Gestelle auf seine Nase und stellte zufrieden fest, dass sein Sehvermögen verbessert war. Damit war der Deal besiegelt. Ich selbst habe einmal eine sogenannte Krankenkassenbrille aus dem Angebot gefischt. Ein Exemplar wie die Brille von John Lennon. Ich ersetzte die Gläser durch Sonnengläser. Bei einer früheren Gelegenheit hatte ich bereits eine Damenpelzjacke ergattert. Lekker warm und ideal für die Tomos Moped. Ein anderes Mal bekam ich das schwarze Weste, das ich regelmäßig trug, und eine passende Bauchtaschenuhr.

Zwischen dem Angebot habe ich auch schon einmal ein Schnürkorsett gesehen. Offenbar hatte eine Dame während einer Zugfahrt die Einschnürung ihres Korsetts als zu beklemmend empfunden. Sie muss das Kleidungsstück unter ‚Joost weiß‘ welchen Umständen ausgezogen haben. Über Joost gesprochen. Den Namen möchte ich so weit wie möglich vermeiden. Der Mann meiner Tochter heißt nämlich so. Es könnte ihn eingebildet machen, wenn man ständig auf sein Wissen anspielt. Und in diesem pikanten Fall eines Schnürkorsetts könnte es zu Streitigkeiten zwischen ihm und meiner Tochter führen. Das wünsche ich ihm an allerletzter Stelle. Außerdem verweist der Name Joost in diesem Zusammenhang auch noch auf den Teufel. Äußerste Vorsicht ist also geboten.
Auf Opas Tisch sah ich auch gelegentlich ein vollständiges Gebiss liegen. Ich habe erlebt, dass einer meiner Onkel ohne zu zögern ein solches falsches Gebiss griff und es sich sofort in den Mund steckte. Danach ging er lächelnd davon. So gab es samstags für jeden etwas in der Nicolaasdwarsstraße.

In einer sehr kinderreichen Familie wie der meiner Großeltern war es natürlich unmöglich, allen Nachkommen gleich viel Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Außerdem muss der Altersunterschied zwischen dem ältesten und dem jüngsten Kind fast 20 Jahre betragen haben. Größere, fast erwachsene Kinder mussten daher den jüngeren Kindern helfen. Sobald das möglich war, bekamen sie feste Aufgaben im Haushalt. Im Haus gab es natürlich allerlei Arbeiten zu erledigen. Tätigkeiten wie Kochen, Wäsche waschen, Kleidung flicken und Schuhe putzen wurden alle intern erledigt. Nachdem sie das Elternhaus verlassen hatten, blieben die drei Brüder und dreizehn Schwestern sehr eng miteinander verbunden. Meine Eltern verbrachten viele freie Stunden bei der Familie, besonders in der Nicolaasdwarsstraße, gegenüber dem Zentral Museum. Wie es allen Nachkommen des 16-köpfigen Clans ergangen ist, weiß ich nicht. Es sind einfach zu viele, um sie alle im Auge zu behalten. Ich weiß jedoch, dass die meisten von ihnen genauso stur sind wie ich. Außerdem haben sie zu allem und jedem eine Meinung. Sie sind sehr hartnäckig, und wenn du als angeheiratetes Familienmitglied eine abweichende Meinung vertrittst, bekommst du die ganze Familie gegen dich.

Opa Heijgen wurde fast 77 Jahre alt und Oma über 82 Jahre. Omas Beerdigung war für Tolgasse und die weite Umgebung ein bemerkenswertes Ereignis. Die Familie hatte beschlossen, Omas gesamtes Vermögen in ihre Beerdigung zu stecken. Dadurch konnten alle Kinder, Enkel und Schwiegerkinder in großen schwarzen Limousinen zum Allgemeinen Friedhof in Bunnik gebracht werden. Ein Trauerzug, der kein Ende zu nehmen schien, machte sich an einem sonnigen Junimittag des Jahres 1975 auf den Weg nach Bunnik. Über den Kreisverkehr am Tolgasse, über die Gansstraße und den Koningsweg, auf dem Weg zum letzten Ruheplatz von Oma. Der Trauerzug muss so lang gewesen sein, dass, als der Leichenwagen den Friedhof erreichte, das letzte Nachfolgeauto Utrecht gerade erst verlassen hatte. An diesem Abend traf ich einen Freund. Er erzählte mir, dass er an diesem Tag ein wahnsinniges Ereignis erlebt hatte. Er behauptete, dass er gegen Mittag am Tolgasse von einem scheinbar endlosen Trauerzug aufgehalten wurde. Er sagte, dass er fast eine halbe Stunde warten musste, bis der Zug vorbeiging und der Kreisverkehr wieder freigegeben wurde.

ENDE

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