
DAS WEISSE PFÖTCHEN
Geschrieben von Bert Plomp
Maeve, unsere liebe Border Collie, ist vor kurzem gestorben. Nach einem Monat zwischen Hoffen und Bangen nahm es schließlich doch ein trauriges Ende mit ihr. Wir wissen nicht genau, wie alt sie geworden ist. Es ist nämlich zehn Jahre her, dass sie in unsere Mitte kam und unser Leben bereicherte. Wir hatten sie vom irischen Tierschutz übernommen, während sie bereits seit einiger Zeit trächtig war.
Mitte Dezember schien noch alles in Ordnung. Damals waren wir mit ihr und ihren beiden Jungen beim Tierarzt zur jährlichen Impfung. Die anschließende allgemeine Untersuchung ergab ein zufriedenstellendes Resultat: Alle drei Border Collies waren gesund. Anfang Januar bemerkten wir jedoch, dass Maeve etwas stoßweise atmete. Auch ihr Appetit ließ plötzlich zu wünschen übrig. Nun ja, sie hatte schon immer eine Art Hassliebe zum Verspeisen ihrer Mahlzeit gehabt. Sie näherte sich ihrem Futternapf in der Küche stets so vorsichtig, dass man den Eindruck bekam, sie rechne ernsthaft damit, dass sich darin keine leckere Speise, sondern eine scharf gestellte Handgranate befinde. Jetzt jedoch war sie so behutsam, dass sie sogar das Überschreiten der Küchenschwelle als gefährliche Hürde betrachtete.
Da wir uns wegen ihrer Atmung sorgten, beschlossen wir, erneut den Tierarzt aufzusuchen. Zu unserem Schrecken mussten wir sie dortlassen, weil der Arzt meinte, Maeves Herz funktioniere nicht ordnungsgemäß, und außerdem eine Flüssigkeitsansammlung in ihrem Bauch feststellte. Eine weitergehende Untersuchung würde einige Tage in Anspruch nehmen. Es mussten Röntgenaufnahmen sowie eine Echokardiografie ihres Herzens gemacht werden. Zunächst musste die Flüssigkeit über eine Drainage abgeleitet werden.
Wieder zu Hause angekommen, wurden wir begeistert von Maeves beiden Jungen, Chubby und Spotty, empfangen. Trotz ihrer fröhlichen Begrüßung verspürten wir ein bedrückendes Fehlen. Unser Haus fühlte sich plötzlich sehr leer an, weil Maeve unter normalen Umständen stets sehr präsent war. Bei allen Aktionen, die unsere Collies unternahmen, übernahm sie die Führung. Wenn das Trio nach draußen wollte, stellte Maeve sich neben mich und bellte, während sie mich fest ansah, so lange bis ich die Tür öffnete. Mit der Mutter voran rannten die Hunde dann über das große Feld vor dem Haus zum Zaun an der Küste. Auffallend war, dass sie dabei stets dieselben Routen nahmen. Im Gras hatten sie so, kaum sichtbar, vier geschwungene Pfade geschaffen, die Tag für Tag exakt verfolgt wurden. Am Zaun angekommen, hielten die Hunde Ausschau nach Passanten die sie, mit Maeve an der Spitze, von einem Ende des Zauns bis zum anderen begleiteten.
Wenn einer von Maeves Jungen unartig gewesen war und von mir gescholten wurde, stellte sich Maeve sofort vor mich, um ihren Nachwuchs zu verteidigen. Das tat sie stets auf eine sehr entwaffnende Weise, indem sie mir ihr linkes weißes Pfötchen als Zeichen des Einvernehmens anbot.
Dem Tierarzt gelang es zunächst nicht, brauchbare Röntgenaufnahmen zu machen, weshalb Maeve länger unter seiner Aufsicht bleiben musste. In der Praxis war sie in einem angenehm beheizten Raum in einer separaten Box mit einem weichen Bett untergebracht. Während ihres Aufenthalts hatte sie Gesellschaft von einigen Leidensgenossen. Jeden Tag besuchten wir sie, um mit ihr spazieren zu gehen und sie zu knuddeln.
Es war Dienstag, der 20. Januar, als der Tierarzt endgültig feststellte, was unserer Liebling fehlte: Maeve hatte einen Herztumor. Wir konnten kaum begreifen, dass unser Hündchen, das so gesund und voller Energie gewirkt hatte, plötzlich am Rande des Todes stand. Mit einem Vorrat an Herztabletten in der Tasche machten wir uns mit Maeve auf den Heimweg.
Wieder zu Hause, in ihrer vertrauten Umgebung, schien es, als fehle ihr nichts. Sie bellte mich an, um mir zu signalisieren, dass sie mit ihren beiden Jungen nach draußen wollte. Nachdem sie draußen etwas herumgerannt waren, war es Zeit fürs Abendessen. Maeve hatte guten Appetit und leerte ihren Napf in kürzester Zeit. Das gab uns Mut und die Hoffnung, dass sie vielleicht noch längere Zeit bei uns bleiben könnte. Doch schon am nächsten Tag wurde diese Hoffnung jäh zunichtegemacht. Maeve war apathisch und hatte keinen Appetit. Auch ihre Atmung war schlecht. Als es abends Zeit zum Schlafengehen war, beschlossen wir, bei ihr zu bleiben, weil wir fürchteten, sie würde den nächsten Morgen nicht mehr erleben.
Was wir bereits ahnten, vollzog sich in jener Nacht in unserer unmittelbaren Nähe.
Unser liebes Mädchen bekam immer größere Atemnot. Wir streichelten und umarmten sie die ganze Nacht. Wir wollten, dass sie spürte, dass wir bei ihr waren und bei ihr blieben. Sie hatte uns immer vollkommen vertrauen können, und das sollte in diesen dunklen Momenten ihres Lebens nicht anders sein.
Das Bild des im vergangenen Sommer verunglückten Motorradfahrers blitzte in meinem Kopf auf. Sofort nahm ich Maeves weißes Pfötchen und hielt es mit beiden Händen fest. Während ich die Ballen ihres Pfötchens warm rieb, sah sie mich mit einem ruhigen Blick in ihren Augen an. Ruhig, weil wir zusammen waren und weil sie wusste, dass ihre beiden Jungen in guten Händen waren. Früh am Morgen endete ihr Todeskampf. Während draußen ein neuer Tag anbrach und Maeve noch ein letztes Mal ihre Pfötchen streckte, atmete sie zweimal stoßweise und dann war der Tod eingetreten. Sanft schlossen wir ihr die Augen; die unvermeidliche Starre ihres einst so geschmeidigen Körpers hatte eingesetzt. Es ist so unwirklich, dass der Körper deines geliebten Vierbeiners noch lange warm bleibt, während das Leben bereits gewichen ist. Dass das warme Blut noch in den Adern deines Lieblings vorhanden ist, aber nicht mehr gepumpt wird. Dass dein Liebling mit den vergehenden Stunden immer kälter wird und der Körper erstarrt. Im Laufe des Vormittags, während draußen die Sonne strahlte, war alle Wärme aus unserem Mädchen gewichen. Ihr liebes weißes Pfötchen ließ sich nicht mehr bewegen. Die stets warmen Ballen waren nun eiskalt.
Am frühen Nachmittag haben wir Maeve begraben. Hinter unserem Haus in den Dünen, im Schutz eines großen Hebestrauchs, haben wir einst einen kleinen Friedhof für unsere verstorbenen Vierbeiner angelegt. Alle Gräber sind mit verschiedenen Heidearten bedeckt. Maeve ruht dort nun zusammen mit unseren Border Collies, die ihr vorausgegangen sind: Swilly, Maggie und Lizzy.
Maeve ist nun zwar begraben, aber der Abschied hat gerade erst begonnen. Nun folgt die Konfrontation mit all den Plätzen und Dingen, mit denen sie eng verbunden war. Die zahllosen stillen Zeugen ihres Daseins, mit denen man sich versöhnen muss. Die wiederkehrende Begegnung mit dem Platz im Haus, an dem sie starb, mit dem Napf, aus dem sie fraß, mit dem Bettchen, auf dem sie schlief, und mit ihrem Lieblingsplatz unter dem niedrigen Tisch im Wintergarten. Von dort aus betrachtete sie oft mit großem Interesse die bewegten Bilder im Fernsehen. Selbst das Zurückbringen eines Vorrats von Maeves Herztabletten zum Tierarzt fiel mir schwer, in der Hoffnung dass vielleicht ein anderer Hund mit weniger begütertem Besitzer davon profitieren könnte. Es fiel mir schwer, weil diese Tabletten gewissermaßen Maeves letzter Strohhalm gewesen waren. Der Besuch ihres Grabes wird vorerst emotional die größte Hürde bleiben.
Beim Ausheben von Maeves Grab wurde ich vom ersten Spatenstich an von einem Rotkehlchen begleitet, das auf einem Zweig des Hebestrauchs saß und unablässig und überschwänglich sang. Einige Tage lang blieb das Vögelchen auf seinem Posten. Selbst im Haus hörte ich seinen fröhlichen Gesang. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ein Rotkehlchen oft als Bote betrachtet wird als Bote eines Neubeginns. Ich fragte mich: Wollte Maeve uns durch dieses Rotkehlchen aufmuntern und uns wissen lassen, dass sie glücklich ist?
ENDE
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