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Folge 1: Der Motorradfahrer

DER MOTORRADFAHRER
Geschrieben von  Bert Plomp

Meine Frau und ich fahren täglich abwechselnd hinauf und hinunter zu unserem Wald an der Nordseite des Conor Pass auf der Halbinsel Dingle im Südwesten Irlands. In diesem Wald und den angrenzenden Weiden halten wir die Esel und Ponys, die wir von der irischen Tierschutzorganisation übernommen haben und die bei uns ihren Lebensabend genießen.
Um diesen Wald zu erreichen, muss man sich den Gefahren der langen, steilen und stellenweise sehr schmalen Conor-Pass-Straße stellen. Diese Straße über den Bergpass weist zahlreiche scharfe, unübersichtliche Kurven mit überhängenden Felsen auf. In der Urlaubssaison führt dies täglich zu Panik unter umherreisenden Touristen, die sich an einem gewissen Punkt weder vor- noch zurückzumanövrieren trauen, was zu zahllosen Verkehrsstaus führt. Hier ist es unerlässlich, im Schritttempo zu fahren, nicht nur aus Gründen der eigenen Sicherheit und um die Aussicht in vollen Zügen genießen zu können, sondern auch zum Wohle der Schafe, Füchse und anderer Tiere, die diese atemberaubende Route ebenfalls nutzen.
Unter diesen Umständen kann man es sich kaum vorstellen, doch es gibt dennoch Geschwindigkeitsfanatiker, die diese durch und durch gefährliche Straße entlangjagen, als befänden sie sich auf einer Formel-1-Rennstrecke, mit mehreren tödlichen Unfällen als Folge. Am meisten leiden unter diesem Verhalten die Tiere. Auf meinen Fahrten über den Conor Pass stoße ich regelmäßig auf ein angefahrenes Tier. Selten macht sich der Verursacher die Mühe, sich eines solchen armen Geschöpfs anzunehmen. Einfach weiterzufahren ist meist die Devise. Es kommt dem Fahrer nicht in den Sinn, das Tier, wenn es noch lebt, zu einem Tierarzt zu bringen oder, falls es bereits verendet ist, von der Straße zu heben und an einem ruhigen Ort abzulegen und mit etwas Grün zu bedecken. Es macht mich wirklich mutlos, wenn ich erneut auf ein solch erbarmungswürdiges Wesen stoße. Erst kürzlich war es wieder ein totgefahrenes Schaf, das kurz zuvor noch in der Blüte seines Lebens gestanden hatte. Das schöne Tier fühlte sich noch warm an, und seine Augen strahlten noch vor Lebenslust. Wie kann man ein solches Tier mitten auf der Straße seinem Schicksal überlassen und einfach weiterfahren?
Auch bei Motorradfahrern ist eine Fahrt über den Conor Pass inzwischen beliebt. Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Verkehrsteilnehmer den Pass mit gedrosselter Geschwindigkeit hinauf- und hinabfahren. Im vergangenen Sommer jedoch schlug das Schicksal für einen von ihnen leider erbarmungslos zu.
Unten angekommen, nachdem er den Pass sicher passiert hatte, nahm der 53-jährige Mann Kurs auf Tralee, mit seinem Wohnort Abbeyfeale als Endziel. Der allererste Teil dieser Fahrt führt entlang des Tals, oberhalb dessen unser Wald in den Bergen liegt. Er führt am Haus unseres dortigen „Nachbarn unterhalb“ vorbei. Michaels Haus liegt etwa hundert Meter von der Straße entfernt, dazwischen befindet sich eine Schafweide.
An jenem Sonntagnachmittag hörte Michael vor seinem Haus einen lauten Knall. Da es in der Umgebung seines Hauses gewöhnlich sehr ruhig ist, befürchtete er, dass etwas Ernstes geschehen war. Er eilte hinunter zur Straße. Dort angekommen, sah er ein Motorrad auf dem Asphalt liegen und den mutmaßlichen Fahrer reglos an eine am Straßenrand stehende Trockensteinmauer gelehnt. Obwohl eine solche jahrhundertealte Drystone Wall gemeinhin ein romantischer Anblick ist, bildete sie nun die Kulisse für die Agonie eines Motorradfahrers.
Michael verständigte sofort die Polizei und versuchte, Kontakt mit dem Opfer aufzunehmen. Obwohl der Mann noch lebte, erkannte Michael, dass es dem Motorradfahrer sehr schlecht ging. Während er auf professionelle Hilfe wartete, versuchte er nach Kräften, den Mann zu beruhigen. Zwischen Leben und Tod schwebend, fragte der Mann mit Angst in den Augen: Willst du meine Hand halten?
Wenn man sich in einer derart beklagenswerten Situation in der Fremde befindet, weit entfernt von seinen Angehörigen, und spürt, wie das Leben langsam, aber sicher den eigenen Körper verlässt, während man den Eindruck hat, sich durch eine Art dämmernden Tunnel zu bewegen, an dessen Ende noch kein Licht zu erkennen ist, dann verspürt man ein starkes Bedürfnis nach einem Mitmenschen, der einen festhält und daran hindert, wegzugleiten.
Leider konnte Michael trotz all seiner hingebungsvollen Bemühungen nicht verhindern, dass der arme Mann noch an der Unfallstelle verstarb.
Jedes Mal, wenn ich diesen Ort des Unheils passiere, taucht vor meinem inneren Auge das Bild von Michael auf, der den verunglückten Motorradfahrer in den Armen hält. Regelmäßig wird der Blumenstrauß, der in der fatalen Trockensteinmauer niedergelegt wurde, erneuert. Vor Kurzem sah ich, wie ein Motorradkollege dies auf respektvolle Weise übernahm.

WIRD FORTGESETZT

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